VISIBILITY

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Kunsthalle Recklinghausen 2020 / 21

Vierkantstahl, 2020

Vierkastahl
EG Kunsthalle Recklinghausen

Kerstin Weber, Text zur Arbeit Visibility

Kerstin Weber, Text zur Arbeit Visibility

Sichbarkeit

Zwei Geraden aus Vierkantstahl, lackiert in Himmelblau, sind an der Fassade der Kunsthalle zu sehen. Die eine, zur Linken des die Fassade prägenden Fensters, führt senkrecht nach oben, knickt nach vorn und wieder zurück und weist über das Dach. Die andere, zur Rechten ist schwerer zu fassen. Steigt sie ebenfalls auf oder führt sie im Gegenteil hinab zum äußeren der vier Schaufenster, in das sie mündet, um an der Wand entlang im Inneren zu verschwinden? Endet sie dort? Wird sie im Inneren fortgesetzt? Aber auch: War das Objekt schon immer da? Habe ich es zuvor übersehen? Und habe ich nicht eben erst ein anderes, ganz ähnliches Bild vor Augen gehabt? Wo habe ich das gesehen? Rührt die Erinnerung von meiner realen Begegnung mit dem Werk oder von einer Abbildung her? Und war dort nicht noch mehr? Ging die stählerne Linie nicht oben rechts weiter, über das Dach hinaus, um sich dort zu verankern?

Justyna Janetzek geht es um unsere Wahrnehmung. Mit ihren Skulpturen, die real am Ausstellungsort existieren und zusätzlich als digitale Bildkompositionen für den virtuellen Raum des Internets konzipiert sind, stellt sie den Sehvorgang selbst ins Zentrum. Dabei geht sie stets vom konkreten Ort aus und „antwortet“ auf ihn. Sie untersucht, wie der Raum in seinem baulichen Originalzustand ausgesehen haben muss, aber auch, wie er sich durch nachträgliche, seine Funktion unterstützende oder verändernde Umbauten aktuell darstellt. Sie macht Auffälligkeiten, Ungereimtheiten und Kuriositäten sichtbar, ohne sie zu beurteilen. Zugänge und Öffnungen, Vorsprünge und Nischen, Treppen und Geländer finden besondere Aufmerksamkeit und bieten Ansatzpunkte für ihre „Antwort“ – eine skulpturale Intervention mit geometrischen Flächen und Linien aus Stahl.

Als der ehemalige Hochbunker am Recklinghäuser Hauptbahnhof 1949/50 zur Kunsthalle umgebaut wurde, versuchte man seine ursprüngliche Erscheinung so weit wie möglich zu verändern und die für einen Bunker typischen Merkmale zu tilgen. Der geschlossene Schutzraum wurde geöffnet, das Gebäude entkernt, die Deckenhöhe gesteigert, und es wurden Fenster in die Vorder- und Rückseite geschnitten. Während man die Öffnungen auf der Rückseite heute kaum kennt, hat sich das große Fensterquadrat zur Große-Perdekamp-Straße hin zu einem Markenzeichen entwickelt. Die senkrechten, sich über zwei Geschosse erstreckenden Fensterbänder mit den dazwischen liegenden Graten sind ins Logo des Hauses eingegangen. Im Inneren der Kunsthalle ist von der Öffnung nichts zu spüren. Um den Anforderungen des heutigen Ausstellungsbetriebes Rechnung zu tragen und Hängefläche zu gewinnen, wurden Wände vorgeblendet. Mit ihrem Wandanstrich in Graphitgrau ruft Justyna Janetzek den ursprünglichen Zustand des Raumes wieder in Erinnerung. Und tatsächlich, ist dort oben, hinter der Wand nicht ein Schatten zu erkennen, der die verborgene Fensternische verrät? Und habe ich nicht auch diese Grate, die den Raum so rhythmisch gliedern, bereits an anderer Stelle gesehen?

So wie die „Fenster“ als Folie für die blauen Stahlplatten dienen, die in sie hineinragen, über sie hinweggehen oder hinter ihnen zu verschwinden scheinen, wird auch die in ihrem Grundriss kreuzförmige Einbau der aktuellen Ausstellungsarchitektur zu einem Bezugspunkt für die skulpturale Intervention: Senkrecht aus dem Boden kommend, steigt eine Gerade aus weiß lackiertem Vierkantstahl mit einem leichten Knick in Richtung der raumteilenden Architektur auf und überwindet diese, um auf der anderen Seite wieder abzusteigen. Im rechten Winkel wendet sie sich zur Seite, steigt sacht wieder auf, wechselt die Farbe von Weiß zu Himmelblau und knickt abermals nach oben ab, um die Wand erneut zu überwinden. Auf der anderen Seite führt sie parallel zur Wand nach unten und endet mit einem letzten Winkel senkrecht im Boden. Justyna Janetzek durchwandert mit ihrer Arbeit den Raum und bezieht uns als Betrachtende ein. Sie fordert nicht nur unsere geistige Aufmerksamkeit, sondern auch unsere körperliche Aktivität. Um die Werke in ihrer Komplexität zu erfassen und zu verstehen, müssen wir ihrer Bewegung durch den Raum folgen. Mehr noch: Innenraum und Außenraum wollen gedanklich miteinander verknüpft werden. Unsere Vorstellungskraft ist gefragt, ebenso wie unser Erinnerungsvermögen. Wo befinde ich mich genau? Wie geht es auf der anderen Seite weiter?

Und: durch die Verbindung von realen Arbeiten mit digital erzeugten Bildkompositionen entsteht eine weitere Ebene. Die Künstlerin hat eine Reihe verschiedener „Bild-Wirklichkeiten“ geschaffen, die parallel am Ausstellungsort und in verschiedenen Medien existieren. Als Betrachter haben wir die Möglichkeit, verschiedene Versionen eines Werks miteinander zu vergleichen. Gleichzeitig sind wir irritiert und aufgefordert, die Gültigkeit und Glaubwürdigkeit des Bildes zu untersuchen.

Justyna Janetzek hat ihre Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen mit Emergence überschrieben. Emergenz – das meint Auftauchen, Herauskommen, Entstehen, es meint aber auch, dass die Eigenschaften eines komplexen Systems jene seiner einzelnen Bestandteile übersteigen und etwas Neues entsteht, das nicht vorhersehbar war. In vielen Wissenschaftsbereichen wurde die Vorstellung einer linearen Logik zuletzt von neuen Konzepten abgelöst. In der Komplexitäts-, der Chaos- oder der Netzwerktheorie spielen Vorstellungen von Emergenz eine Rolle und verändern unsere Arbeitsweise fundamental. Die zeitgenössische Software-Entwicklung nennt eine Lösung emergent, die statt einer Vielzahl von spezifischen Bausteinen nur einen kleinen Satz von Komponenten verwendet, mit denen sich der Lösungsraum durch Komposition abdecken lässt. Justyna Janetzek hat für ihre Arbeit ein solches modulares System entwickelt. Vierkantstahl verschiedener Länge und Lackierung wird mit Hilfe von Steckverbindungen zu immer neuen Formen zusammengefügt. Dabei ist die Formfindung stets eine konkrete und folgerichtige Antwort auf die Raumsituation, in der die Künstlerin arbeitet – aber eben nicht die einzig mögliche.

Der Architekt Ulrich Königs beschreibt, wie man sich Emergenzphänomene in der Architektur nutzbar machen kann: „Formfindungsprozesse im architektonischen Entwurf über emergente Qualitäten zu steuern, unterscheidet sich elementar von kompositorischen Strategien, denn man kann Emergenz nicht gestalten. Man kann lediglich Ausgangsbedingungen definieren und diese sich dann entfalten lassen.“* Betrachtet man die digitalen Bildkompositionen, die Justyna Janetzek für ihre Plastik an der Fassade der Kunsthalle entwickelt und parallel zu dieser Ausstellung in den Sozialen Medien veröffentlicht hat, so spricht daraus genau diese Idee. Das realisierte Werk ist als Vorschlag zu verstehen, es hätte auch ganz anders sein können. Der himmelblaue Vierkantstahl hätte sich in einem leichten Knick noch einmal zurück auf das Dach bewegen können, um schließlich nach einem weiteren Abzweig senkrecht auf ihm zu münden. Ebenso hätte er auch den Boden berühren und eine Wendung auf den Gehweg machen können. Der Entwurf, den Justyna Janetzek in und an der Kunsthalle Recklinghausen realisiert, ist eine Möglichkeit unter vielen. Diese Werk- und Weltsicht könnte kaum zeitgenössischer sein. Und sie hat nichts mit Willkür zu tun, sondern mit der Anerkennung, dass das selbst geschaffene System mehr zulässt als nur die eine Lösung.

* Ulrich Königs, Komplexe Einfachheit, Emergente Gestaltfindungsprozesse in der Architektur, in: BUW.OUTPUT Nr. 6/Wintersemester 2011/2012 FORSCHUNGSMAGAZIN DER BERGISCHEN UNIVERSITÄT WUPPERTAL
 

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Two vertical square-steel bars, painted in sky blue, can be seen on the facade of the Kunsthalle. The one to the left of the dominant window leads upward, folding forward and back to point over the roof. The other, on the right, is more difficult to grasp. Does it also ascend, or does it instead point downward to the outer display window, running into it along the wall and disappearing inside? Does it end there? Does it continue inside? But also: Has the object always been there? Did I overlook it before? And haven’t I just seen quite a different image? Where have I seen it? Does the memory come from my actual encounter with the work, or from a picture? And wasn’t there more to it? Didn’t the steel line go further up, beyond the roof, and anchor itself there?

Justyna Janetzek is concerned with our perception. In her sculptures, which are conceived both for their real place of exhibition and for virtual space as digital visual compositions, she foregrounds the act of seeing itself. She always proceeds from a specific place, to which she ‘replies’. She investigates how the space must have looked in its original state of construction, but also its appearance now, with alterations that support or change its function. Janetzek points out abnormalities and curiosities without making judgement. She pays particular attention to entryways and openings, protrusions and niches, stairs and railings, which all provide starting points for her ‘reply’ – a sculptural intervention with geometrical surfaces and lines of steel.

When the former surface air-raid shelter at Recklinghausen’s central station was converted into an art museum in 1949/50, the attempt was made to alter its original appearance as much as possible and to obliterate the typical features of an air-raid shelter. The enclosed protective space was opened, the building gutted, the ceiling height raised, and windows were cut into the front and rear. While the openings at the rear are almost unknown today, the large square of windows facing Große-Perdekamp-Straße have become a trademark. The vertical bands of windows with interjacent brickwork are now part of the institution’s logo. Inside the Kunsthalle there is no trace of this opening. Walls have been superimposed to meet the demands of contemporary exhibition practice and to increase hanging space. Justyna Janetzek’s painting of the walls in graphite grey recalls the original state of the space. And isn’t that a shadow up there behind the wall, disclosing the hidden window recess? And haven’t I already seen those bands that order the space so rhythmically somewhere else?

Just as the ‘windows’ serve as a foil for the blue steel bars which protrude into them, over and around them or seem to disappear behind them, the present-day, inserted, cross-shaped exhibition architecture becomes the reference point for a sculptural intervention: rising vertically from the floor, a white-painted square-steel bar bends slightly in the direction of the partitioning structure, which it passes over to descend on the other side. It takes a right-angled turn to the side, ascends slightly, changes colour from white to sky blue, bends several times upward so as to pass once again over the wall. On the other side it runs downward parallel with the wall and ends in the floor with a final vertical bend. Justyna Janetzek’s perambulation through the space takes us the viewers with it, demanding not only our intellectual attention but also our physical activity. In order to apprehend the work in its complexity, we have to follow its movements through the space. And we are furthermore asked to link interior and exterior space mentally. Our imagination is required, as is our ability to remember. Where am I exactly? What comes next?

And a new level arises through the connection of real works with digitally created pictorial compositions. Janetzek has produced a series of different ‘visual realities’ that exist parallel with the exhibition venue in various media. We have the possibility as viewers to compare different versions of a work, although we are also challenged to examine the validity and credibility of the image.

Justyna Janetzek has entitled her exhibition at the Kunsthalle Recklinghausen Emergence. This means surfacing, coming out, arising, but also that the qualities of a complex system exceed those of its individual parts and something unforeseeable occurs. The idea of linear logic has been superseded recently by new concepts in many scientific fields. Ideas of emergence play a role in complexity theory, chaos theory or network theory, and fundamentally alter our way of working. In contemporary software development a solution that uses only a small array of components to obtain the required state through composition instead of a multitude of specific building blocks is called emerging. Justyna Janetzek has developed just such a modular system for her work. Square-steel bars in various lengths and colours are assembled into new forms with the aid of connectors. The final form is always a reply to the spatial situation in which the artist is working – but isn’t the only one possible.

The architect Ulrich Königs describes how phenomena of emergence can be used in building: ‘Approaching the form-finding process through emergent qualities differs fundamentally from compositional strategies, as emergence cannot be shaped. One can only define its starting conditions and allow them to develop.’* This is exactly the idea that speaks from the digital visual compositions that Justyna Janetzek has developed for her sculpture on the facade of the Kunsthalle and posted on social media in parallel with its exhibition. The realised work should be understood as a suggestion, though it could have been different. The sky-blue steel bar could have bent back towards the roof and ended vertically on it after taking another turn. It could equally have touched the ground and run along the pavement. The blueprint that Justyna Janetzek has realised in and on the Kunsthalle Recklinghausen is one possibility among many. This view of the work and the world could hardly be more contemporary. And it is by no means arbitrary, rather having to do with the recognition that self-created systems allow more than a single solution.

* Ulrich Königs, ‘Komplexe Einfachheit, Emergente Gestaltfindungsprozesse in der Architektur’, in BUW.OUTPUT no. 6/winter semester 2011/2012, research magazine of the University of Wuppertal

Vierkantstahl, Stahlblech, Himmelblau
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