Konstellation Fritz

Georg Elben, text zur Arbeit Konstellation Fritz

Georg Elben, text zur Arbeit Konstellation Fritz

Im Raum zeichnen mit Eisen und Stahl

In der Ausstellung „Konstellation Fritz“ von Justyna Janetzek kann die Frage beispielhaft diskutiert werden, wo Skulptur als Medium der zeitgenössischen Kunst heute steht, auch wenn es natürlich keine finale Antwort gibt. Janetzeks Ausstellung beschränkt sich nicht auf einen Raum, sondern bespielt buchstäblich alle für Ausstellungsbesucher zugänglichen Orte. Der Besucher wird durch einen wagenradgroßen Leuchter begrüßt, in dem Kerzen brennen: Die eine Hälfte der Kerzen ist schwarz und die andere Hälfte ist weiß, analog zur Schwarzkaue, wo die Bergleute ihre kohlegeschwärzte Kleidung auszogen, und der Weißkaue, wo sie sich wuschen und für den Alltag umzogen. Blaues Licht bestimmt zusammen mit den Kerzen die Atmosphäre. Blau ist, neben den Farbschattierungen von Eisen, die untergründig dominierende Farbe. Es gibt zwei verschiedene industrielle Blautöne mit lyrischen Namen, Himmelblau und Enzianblau, als partiellen Anstrich der Eisenstücke. Vor allem jedoch wirkt das Material Eisen selbst male-risch in seinen unglaublich vielen Schattierungen, das je nach Lichteinfall sehr dunkel erscheint oder anfängt, zu glänzen. Im Winter 2015 habe ich beim Rundgang in der Münsteraner Akademie eine Arbeit von Justyna Janetzek ge-sehen, die sie konzeptuell zusammen mit Hanna Kier entwickelt hat. Zwei dünne Stäbe, die nur ein bisschen aus ihrem architektonischen Raum herausragten, leicht zu übersehen und trotzdem eindrucksvoll, scheinbar beiläufig, aber präzise wie ihre Zeichnungen. Ihr Arbeitsstil kontrastiert stark mit dem lange üblichen künstlerischen Gebrauch von Eisen: In den 1980er Jahren wurde Material in der Skulptur als Masse und Volumen genutzt, und Materialgerechtigkeit bedeutete meist, dass Eisen und Stahl nicht hohl sein sollten. Janetzek verarbeitet Eisen meist als Vierkantrohr, jedoch ohne aufwändige technische Hilfsmittel. Die Künstlerin hat alles Material selbst mit wenigen Helfern an Ort und Stelle im Raum positioniert, zugeschnitten und mit einem Schweißgerät zusammengesetzt. Ihre Art zu arbeiten bedeutet, dass sie in der Lage ist, alle Einzelheiten selber unter Kontrolle zu halten und zu bestimmen, welcher Winkel an jeder Stelle gewählt wird, ein Grund für das Besondere, das Schwebende und die Leichtigkeit ihrer Raumzeichnungen. Als Betrachter merkt man in der Ausstellung eindrücklich, wie sehr eine Skulptur von ihrer Umgebung abhängig ist. Wenn man nach oben schaut, sieht man ein Geflecht von Linien, denn Janetzek nutzt die Stahl räger der Halle nicht nur als Haltepunkte, sondern be-zieht sie auch unmittelbar in ihre Formüberlegungen mit ein. Die ganze Struktur ihrer Stahlkomposition wird hier in mimikriartigem Verschwinden aufgenommen. Man muss wirklich genau schauen, welche Eisenelemente von ihr gesetzt wurden oder wo der Trägerstahl Teil der Dachkonstruktion ist. Die Bedingungen eines Raumes bestimmen immer mit, wie sich ihre plastischen Arbeiten entwickeln. Diese Wirkung können die Betrachter eindrucksvoll nachvollziehen, wenn sie versuchen, von der Raumsituation in der Weißkaue ein Foto zu machen. Man sieht dann, wie die grauen Streben des Daches und die Eisenzeichnung miteinander verschwimmen. Auf dem Boden liegt ein Element wie eine Zeichnung aus Metall, die sich in ihrer Größe wie in ihrer Ausrichtung ebenfalls auf den Raum bezieht. Möglicherweise würde sie sich aber in ihrer autonomen Lebendigkeit durchaus in einem anderen Raum behaupten – es käme auf einen Versuch an. In der Schwarzkaue gehört die markante Dreipunkt-Traverse zur festen Ausstattung der Künstlerzeche, sie ist sozusagen eine schwebende Skulptur aus eigenem Recht. Diese funktionale Hilfskonstruktion würde jedoch in Janetzeks Ausstellung als Fremdkörper stören, wenn sie nicht integriert würde. Eine gute künstlerische Reaktion auf eine solche Störung ist es, zu sagen: Dann ma-che ich was mit dieser Vorgabe, ich verändere sie. Jetzt ist dieses Element Teil einer starken raumbestimmenden Zeichnung, die bis zum Boden geht. Weitergeführt durch eine Vierpunkt-Traverse wurde das immer noch Strahler tragende Element noch massiver, tragfähiger, ist aber nicht mehr rein funktional: Es ist eine Skulptur.

‚‚Junge Positionen NRW“ der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3
Kunstförderpreis

Herne/Wanne, 2015 - 2016

Ortsbezogene Rauminstallation | Schwarzkaue | Weisskaue

Download des Leporello mit Text zur Ausstellung