F.M. 51°15’21.8”N 6°23’28.0”E

Michael Kröger, ''Unabsebar'' Text zur Arbeit F.M. 51°15’21.8”N 6°23’28.0”E

Michael Kröger, ''Unabsebar'' Text zur Arbeit F.M. 51°15’21.8”N 6°23’28.0”E

Unabsebar

„Ich bewundere nicht den Einfall, sondern das, was ihn vervielfacht.“
PAUL VALERY.

Ich werde im Folgenden über zwei Arbeiten schreiben, die beide so tun, als ob sie scheinbar nicht existierten, aber jeweils auf einen bestimmten Raum Bezug nehmen, der normalerweise nicht ohne Weiteres sichtbar wird: das temporäre Atelier der Künstlerin und einen Platz in Viersen, der in seiner verlassen wirkenden Gewöhnlichkeit normalerweise übersehen wird.

In ihren Arbeiten stellt sich die Künstlerin eine ebenso konkrete wie abstrahierende Frage: Wann ist eine Arbeit existent? Vor allem dann, wenn sie so wirkt, als würde sie nicht real sein. Könnte man nicht, in Anlehnung an eine berühmte Formel Ernst Blochs1, sagen: Kunstwerke sind nicht real – sie werden erst noch?

Was passiert, wenn nun eine Arbeit, die nicht existiert, an einem Ort, der übersehen wird, gezeigt wird und so der Anschein entsteht, als würde nun eine neue Form von Realität wahrscheinlich(er) werden? Als Betrachter frage ich mich: Als was erscheint mir hier ein Werk, das unabsehbar ist, und was traue ich dieser Form von künstlerischer Darstellung überhaupt zu oder erwarte ich sogar von ihr? Etwa die Einbildung, dem Entstehen eines Werks in Echtzeit zuzusehen? Und was ist dann mit dem Dilemma, etwas nachprüfen zu wollen, was so nicht existiert? Derart refl ektierend wie die Künstlerin operiert, so verunsichernd ist für das Publikum die Unwahrscheinlichkeit, die vom Möglichmachen eines Werks und damit auch von der eigenen Anteilnahme am Medium Kunst erzählt.

Die Skulpturen, die in den beiden Videos – nicht – existieren, funktionieren wie Daten, die ihrerseits wie Verweise auf noch Entstehendes fungieren. Verweise sind Daten, die mit unseren Erwartungen spielen – und nicht zuletzt mit der Irritation unserer Vorstellungen von zukünftiger Zeit: Genauer gesagt einem eher unwahrscheinlichen, paradoxen Zustand zwischen Futur I und Futur II: Ich werde jetzt nicht alles erkennen. Und: Ich werde später einmal alles vernommen haben. Als Idee einer nicht-realisierten Arbeit im Raum entsteht so eine Abstraktion in der Zeit, die auf das Unabsehbare unserer Vorstellungen hinweist beziehungsweise es uns bewusst macht. Was man noch nicht wahrnehmen kann, sind all jene Zwischenräume, die zum Teil markiert, zum Teil unmarkiert und quasi „abwesend anwesend“ sind.

Justyna Janetzeks Arbeiten wirken so, als würden sie mit dem Unwahrscheinlich- Werden ihrer zum Teil nicht vorhandenen Existenz zu spielen beginnen. Sie rekombinieren Elemente aus dem Kunstkosmos der Moderne (Fläche, Farbe, Linie, Kontext, Spur etc.) und animieren einen Betrachter, der diese Kombinationen zu beobachten lernt. Ihre Arbeiten funktionieren dabei auf nichttechnische Weise: im und als Raum einer verdoppelten Wahrnehmung. Diese bezieht sich gleichzeitig auf lose Koppelungen zwischen Ort und Werk, aber immer auch auf eine ästhetisch gewordene Zeit, die zwischen der Gegenwart des Betrachtens und dem Raum einer Geistesgegenwart oszilliert. Ähnlich wie bei der Formel „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick) kann man aus Sicht der BetrachterInnen im Fall von Justyna Janetzeks Werken
formulieren: Man kann nicht gewahr werden, was man jetzt noch nicht realisieren wird.

Kunstwerke sind nicht fähig, das Entstehen ihrer selbst als Werke selbstbewusst und explizit zu refl ektieren – wohl aber implizit, was die Kernidee des Arbeitens der Künstlerin ausmacht. Janetzeks Werke existieren nicht für sich, sondern für ein Publikum, das heute hochgradig sensibel für die eigenen Erwartungen an Kunst geworden ist. So paradox und wunderbar eigensinng Janetzeks Arbeiten wirken, so fähig erweisen sie sich, tiefere Resonanzen zu uns, ihren BetrachterInnen herzustellen. Sie erscheinen dabei fast wie eine Musik, deren Melodie wohl erst in nächster Zukunft erklingen wird – Future Memories eben.
Michael Kröger

1 „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Zit. nach: Ernst Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie, 1963.


Unforeseeable

“Je n’admire pas la chance mais ce qui multiplie les chances.”
PAUL VALERY.

My following remarks concern two works, which both pretend as though seemingly they didn’t exist, yet both refer to a particular space that normally is not visible without further ado: the artist’s temporary studio and a square in Viersen that usually gets overlooked in its apparently abandoned normality.

In her works the artist poses an equally concrete as well as thought-provoking abstract question: when is a work extant? Even more so, when it appears as if it were not real. Could one not say in adapting Ernst Bloch’s1 famous phrase: artworks are not real – they’re only just becoming?

So, what happens when a work that doesn’t exist, is being displayed in a place that is overlooked, so creating the appearance as though a new form of reality would become (more) probable? As an onlooker, I ask myself: in what form does a work appear to me here that is unforeseeable, and what do I trust at all in this form of artistic representation, or even expect from it? Could it be imagining looking on at the creation of a work in real time? And then what about the dilemma of wanting to verify something that doesn’t exist as such? The artist works reflectively to such an extent as to make for the audience so unsettling the improbability that tells of the potential creation of a work and of one’s personal sympathy, too, with the medium of art.

The sculptures, which in both videos – don’t – exist, function like data that in turn act as references to what is still under creation. References are data that play with our expectations – and not least with the irritation of our ideas of the future tense: to be more exact, a rather improbable, paradoxical state between the present future and future perfect: I will not know everything now. And: I will later have been conscious of everything. Hence, an abstraction in time emerges as an idea of a not-realized work in space that refers to the unforeseeable of our ideas, or makes us aware of it. What one cannot yet perceive are all those interstices, which are partly marked, partly unmarked and sort of “absent present”.

Justyna Janetzek’s works appear as though they would begin to play with the becoming improbable of their partly non-extant existence. They recombine elements from the modernist art cosmos (plain, colour, line, context, trace etc.) and animate an onlooker who learns to observe these combinations. Thus, her works function in a non-technical way: in and as space of a doubled perception. This simultaneously refers to loose pairings between place and work, yet always too to time that has become aesthetic, that oscillates between the present of looking on and the space of a quick-witted presence-of-mind. In a similar way as for the expression “One cannot not communicate” (Paul Watzlawick), one can say from the onlookers’ viewpoint about Justyna Janetzek’s works: one cannot become aware of what, presently, one will not yet realize.

Artworks have no capability to reflect their creation self-consciously and explicitly as works – albeit they do so implicitly, which defines the core idea of the artist’s work. Janetzek’s works don’t exist for their own sake, but rather for an audience that nowadays has become extremely sensitive for its own expectations of art. As paradoxical and wonderfully wilful as the effect of Janetzek’s works, equally, they prove capable of establishing deeper resonances to us, their onlookers. In this case, they appear almost like music whose melody will probably resound in the near future – simply Future Memories.
Michael Kröger

1 “I am. But I don’t have myself. Therefore, we’re only just becoming.”Quoted after: Ernst Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie, 1963.

 

 

Hausptstraße 88, Viersen, 2019
Videocompositing, Fotocompositig als Standbild
Dokumentation Facebook- Kommentare

 

"Gestalten heißt heute nicht, an etwas zu glauben,
was man erwartet, sondern skeptisch gegenüber dem
zu werden, was sich da vor unseren Augen ereignet".

"Design currently means not believing in what one expects,
but becoming sceptical about what happens before our eyes".


Michael Kröger zur Arbeit F.M. 51°15’21.8”N 6°23’28.0”E

Das Video mit der digital erzeugten Skulptur wurde am 1. Oktober 2019 von einem befreundeten Viersener auf der Facebook-Seite „Langweiliges Viersen“ eingeschleust. Daraufhin gab es zahlreiche Reaktionen auf den Post. Weder der Seitenbetreiber noch die Abonnenten der Seite haben die Existenz der Arbeit infrage gestellt oder überprüft.

The video with the digitally created sculpture was planted on 1 October 2019 by a friend of the artist from Viersen on the Facebook page “Langweiliges Viersen”. The post generated plenty of reactions. Neither the owner of Facebook page nor its subscribers queried or checked whether the work exists.